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Prof. Dr. Hans-Joachim Lenger
Philosophie
Lehrangebot
Wintersemester 2011/2012
1. Seminar: Das "Genie" - Begriff, Mythos, Transformation
Einst schienen Begriffe der Genialität unverzichtbar, um die Position des Künstlers als singulär zu denken. Solche Begriffe feierten ihn als begnadete Ausnahme: und damit luden sie dazu ein, im Geniekult einen modernen Mythos zu begründen. Dieser Mythos ist mittlerweile zwar verblasst, mehr noch: zerfallen; wer sich selbst "Genialität" bescheinigt oder bescheinigen lässt, gibt sich bestenfalls der Lächerlichkeit preis. Und wo der Geniekult wiederkehrt wie in den medialen Inszenierungen gewisser "Malerfürsten" , ist er nicht mehr als Teil einer Folklore, mit der ein geschäftiger Betrieb sich ausstattet. Doch reiht es aus, sich des Geniebegriffs wie einer Peinlichkeit zu entledigen? Die Frage nach einem "Entstehen" und "Werden" (génesis, gígnesthai) ist damit zumindest nicht beantwortet, und ebenso wenig ist es die Frage nach der Kunst. Im Gegenteil: wo ein "cooles Understatement" an die Stelle des "Genialischen" trat, wird der Mythos durch eine Verlegenheit ersetzt, die ihrerseits mythisch überwölbt wird. Das "Genie" gibt noch dort Rätsel auf, wo es sich löschen will - und sei es im Problem, ob und wie eine künstlerische Arbeit "signiert" werden soll. Noch die Signatur nämlich zitiert den Ort einer Genesis und damit die Position des Genies. Das Seminar wird an ausgewählten Texten der vergangenen zwei Jahrhunderte den Spuren des "Entstehens" und "Werdens" nachgehen, um Transformationen nachzugehen, denen der Geniebegriff unterzogen werden muss, um das Künstlerische denken zu können.
Donnerstag 14.00 - 17.00 Uhr Raum 11
Beginn des Seminars: 13. Oktober 2011
Literatur: Reader mit verschiedenen Texten (PDF) hier abzurufen
2. Seminar: Subjekt und Revolution
Die weltweite kapitalisische Krise zieht weiterhin ihre Kreise. Sie wird lediglich aufgeschoben, um sich immer neu zu aktualisieren. Zusehends nimmt die Anthropologie der modernen Kontrollgesellschaften dabei klarere Konturen an: an die Stelle des eingeschlossenen und disziplinierten tritt der verschuldete Mensch, der unter einer Bürgschaft kollabiert, die er für eine neu zur Herrschaft gelangte Ökonomie der Zeit eingehen muss. Der Widerstand dagegen bleibt weitgehend ohne Horizont und Begriff. In Hohlräumen der Resignation, der Apathie und der Depression kehren stattdessen nationalistische Mytheme und Versatzstücke eines neuen Rassismus wieder. Grund genug, nach der Verfassung einer Instanz zu fragen, die von der Tradition als "Subjekt" adressiert wurde: sie scheint ihrerseits einem eskalierenden Zerfall ausgesetzt zu sein, der ein neues Niveau erreicht hat. Das Seminar soll - ausgehend von einer Rekonstruktion traditioneller "Subjekt"-Begriffe - diesem Zerfall folgen, um "Weisen der Subjektivierung" zu befragen, die der Lage angemessen wären und ein "Revolutionär-Werden" denkbar machen könnten. Dazu sollen einschlägige Texte ebenso herangezogen werden wie aktuelle Dokumente, die aus laufenden Diskussionen und öffentlichen Auseinandersetzungen hervorgehen.
Donnerstag 17.00 - 19.00 Uhr Raum 11
Beginn des Seminars: 13. Oktober 2011
Literatur:
a. Reader mit verschiedenen Texten (PDF) hier abzurufen
b. Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand
3. Seminar: Wer ist das: "Wir"? Zur Dekonstruktion der "Gemeinschaft"
Begriffe und Vorstellungen eines "Gemeinsam-Seins" sind tiefgreifenden Erosionen ausgesetzt; zusehends werden sie ersetzt durch die Beschwörung essentialistischer Bestimmungen, die "fundamentalisischen" Affekten eine neue Legitimation verleihen sollen. Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit Texten Jean-Luc Nancys der vergangenen Semestern soll deshalb eine Auseinandersetzung aufgenommen werden, die von Maurice Blanchot ausging und dem Topos der "Gemeinschaft" gewidmet war. Das Seminar wird Texte rezipieren, die in dieser Auseinandersetzung eine zentrale Rolle gespielt haben und ebenso ästhetische wie politische Implikationen aufweisen. "Die Gemeinschaft ist nicht der Ort der Souveränität. Sie ist das, was aussetzt, indem es sich aussetzt. Sie schließt die Exteriorität des Seins ein, die sie ausschließt. Eine Exteriorität, die das Denken nicht meistert, selbst wenn es ihr verschiedene Namen gibt: den Tod, die Beziehung zum Anderen oder auch das Sprechen, wenn dieses sich nicht auf Redensarten zurückgezogen hat und so keinerlei Verhältnis zu sich selber (der Identität oder der Andersheit) zuläßt." (Maurice Blanchot)
Freitag 14.00 - 17.00 Uhr Raum 120 c
Beginn des Seminars: 14. Oktober 2011
Literatur:
a. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft (Teil I)
b. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft (Teil II)
c. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft (ganz)
4. Seminar: Theorien des Traumas – Traumata der Theorie
Der Begriff eines psychischen Traumas ist dem Wesen nach ein Konstrukt des 20. Jahrhunderts. Sigmund Freud entwickelte ihn in seinen frühen Hysterie-Analysen und in Konfrontation mit den Spuren kriegerischer und sexueller Gewalt. In Folge zeigte sich, dass Gewaltexzesse massenhaft individuelle seelische Verletzungen zurückließen, deren soziologische und psychologische "Behandlung" eine Arbeit am Traumakonzept erforderte. Doch bis heute gibt es keine einheitliche Begriffsverwendung, herrscht eine - zumindest partielle - Hilflosigkeit bei der Suche nach therapeutischen Verfahren vor. Traumatisierende Erlebnisse, also Erfahrungen äußerster Hilflosigkeit, scheinen sich nicht begrenzen zu lassen. Sie betreffen die Grenze von Sinn und Beziehung und stellen nicht zuletzt das kulturelle Gefüge insgesamt in Frage. - Das Seminar soll verschiedene Theorien des Traumas in Psychoanalyse, Philosophie und Psychologie kritisch beleuchten. Die Grundlage für die Diskussion bilden "medizinische" Theorien. Sie haben philosophische und kulturwissenschaftliche Diskurse des 20. Jahrhunderts – mitunter erheblich – beeinflusst. Zugespitzt kann man heute fragen: Gibt es ein allgemeines Trauma (in) der Kultur oder ist das Trauma die Disfunktion schlechthin, die sich allen Symbolisierungen entzieht? In welchen Figuren erscheint "das Trauma" in der zeitgenössischen Kulturtheorie und welche Funktionen erfüllt es dort? Das Seminar führt in einige zentrale Denkfiguren der Freudschen Psychoanalyse ein. Es berührt darüber hinaus philosophische Themen, wie Wahrnehmung, Zeit und Zeitempfinden oder Alterität.
In Zusammenarbeit mit Frank Wörler (Doktorand)
Wochenendtermine:
12. und 13. November, jeweils ab 15:00
26. und 27. November, jeweils ab 15:00
10. und 11. Dezember, jeweils ab 15:00Ort wird noch bekanntgegeben.
Dauer jeweils ca. 3 oder 4 Stunden, nach Bedarf.
5. Betreuung schriftlicher Arbeiten und Promotionsvorhaben sowie Sprechstunde: Nach Vereinbarung.