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    Hans-Joachim Lenger
    Host - Point - Poll
    Ist Medientheorie "ontologisch"?
     
     

    Eine Zusammenkunft wie die unsere, die von der Einsicht ausgeht, daß es das Schreibgerät ist, welches an den Gedanken mitschreibt, wird wohl ohne Überraschung aufnehmen, daß es nie die Absicht des Vortragenden ist, die sich schließlich in seinem Vortrag realisiert, sondern etwas anderes, was ihm beim Schreiben erst widerfährt.
     

    Dies umso mehr, wenn es sich - in meinem Fall - beim Schreibgerät um einen PC handelt, der zwar nicht - wie zum Beispiel der des Kollegen Kittler - mit einem 486er-Prozessor bestückt ist, jenem gegenüber aber den unschätzbaren Vorteil hat, durch ein Modem zum Point in einigen Netzen geworden zu sein, die geeignet sind, ein Denken, das dennoch von Punkten ausgehen wollte, nachhaltig in Frage zu stellen. Nicht nur Friedrich Kittler, sondern auch die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzuladen, sich an der Entwicklung eines elektronischen Netzwerks zu beteiligen, in dem Philosophie, Psychoanalyse, Ästhetik und Medientheorie nicht mehr allein Gegenstand wären, sich vielmehr selbst Bedingungen einer anderen Medialität auszusetzen hätten, war ein erster, wenn auch vordergründiger Anlaß, meine folgenden Bemerkungen um drei Begriffe zu gruppieren, die in solchen Netzwerken einen gewissen strukturalen Wert haben: nämlich um die Begriffe Host, Point und Poll.
     

    Den zweiten, vielleicht etwas weniger vordergründigen Anlaß, meine Fragestellung etwas zu verändern, will ich sogleich hinzufügen. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, jene einigermaßen rätselhafte Übertragungstechnik zu thematisieren, die Edmund Husserls V.Cartesianische Meditation in Bewegung setzt, wo sie auf den Einwand reagiert, Techniken der transzendentalen Reduktion könnten geeignet sein, den Meditierenden in eine Sphäre zu versetzen, in der ein solus ipse sein einsames Regiment führt. Bekanntlich wollte Husserl diesem Solipsismus durch eine Kinästhesie entgehen, die er "Fernüberschiebung" (1) nennt und die es ihm erlauben soll, den Anderen als "mitdaseiendes Ego im Modus Dort" (2) zu denken.
     

    Eine Theorie der Medien, die den phänomenologischen Techniken einer Reduktion entgegenhält, nur um den Preis einer Reduktion medialer Techniken selbst zu haben zu sein, fände in dieser Senso-Motorik einer "Fernüberschiebung" wohl Anlaß genug, bei ihrem Geschäft einer Destruktion von Metaphysik den Enterhaken zu werfen und anzuborden. Schließlich bereitet Husserls mediale Technik der "Fernüberschiebung" nicht weniger vor als die Denkmöglichkeit eines alter ego und damit, wie er schreibt, den Horizont einer "in verschiedenen Stufen sich fortbildenden Gemeinschaft"; weshalb die phänomenologische Technik vielleicht buchstäblich zum Springen gebracht werden könnte, sollte sich zeigen lassen, daß sie stets schon von einer anderen Technik unterlaufen oder punktiert wird, derer sie sich zwar bedient, ohne sie aber Wort haben zu lassen: Fort-Bildung der Gemeinschaft nämlich im Wortsinn, der es mit dem Entzug von Bildern zu tun hat oder einer Differenz, die ins Undarstellbare verweist.
     

    Und doch dürfte sich dabei nicht weniger zeigen, daß die phänomenologische epoché Husserls nicht dadurch schon zu entklammern ist, daß man ihrer Nomenklatur meditativer Evidenzen in technischen Begriffen einer medialen Positivität aufspielt, für die dann zunächst die Ingenieure zuständig wären. Allzu schnell nämlich könnte sich herausstellen, daß dabei jener Widerpart der Phänomenologie nur wiederaufersteht, den Husserl "transzendentalen Realismus" nannte und der noch dort so genannt werden könnte, wo er im Körper reeller Zahlen auftritt. In anderen Worten: Wollte Medientheorie sich anschicken, der metaphysischen Idealität von Sinn und Bedeutung durch eine Vermessung differenzmaterialer Signale zu antworten, die "Sinn" und "Bedeutung" aus weißem Rauschen nur generieren, um in den hermeneutischen Ordnungen lebensweltlichen Verstehens kassiert zu werden, so wäre diese Strategie zwar von unverzichtbarem Wert. Aber sie würde jenen Widerstreit von Intelligiblem und Sinnlichem zugleich auch auf anderem Terrain wieder aufleben lassen, der zwar niemals definitiv ausgetragen sein wird, jedoch dadurch bereits entschieden ist, daß er sich jeweils auf einem Terrain abspielt, das jenes der Metaphysik selbst ist.
     

    Zur Vorbereitung dieser Tagung haben uns einige Papiere erreicht, die diese ontologischen Implikationen einer "Medientheorie" (die etwa Heideggers Metaphorik einer gemeinsamen Wurzel prompt einem télos der Muttererde überantwortet) in einer Weise zugespitzt haben, die es mir ersparen, den Umweg über Techniken einer "Fernüberschiebung" nehmen zu müssen. Vielmehr will ich versuchen, insofern in media res zu gehen, als ich nach den Möglichkeiten von Übertragung frage, unter denen Husserls Senso-Motorik dann nur ein Modalität darstellen dürfte.
    Ich komme also zu meinem ersten Stichwort:
     

    Host
    Wie immer man den Widerstreit fassen will, der zwischen dem Sinnlichen und dem Intelligiblen noch dort ausgetragen wird, wo er sich technisch adressiert - stets zeichnet er die Unruhe oder Virulenz eines Ortes nach, an dem sich das Gastrecht und die Feinderklärung wechselseitig überschreiben. Alle Konstruktionen von Hostilität oszillieren zwischen der Fremdheit des Fremden und der Intimität des Feindes (3), zwischen der Kriegserklärung und einem Undarstellbaren also, das alles Vorstellungsvermögen kollabieren läßt.
     

    Nicht von ungefähr hat diese Unruhe insofern den Topos der transzendentalen Einbildungskraft unablässig durchquert, als sie es mit Problemen der Übertragbarkeit und Übertragung, also mit den Möglichkeiten einer gewissen Metaphorik zu tun hat. Wie etwas Gegebenes, das pure Datum also, sich Apparaturen einer Sinnlichkeit übermitteln läßt, die es verarbeiten und speichern könnte, läßt bereits Kants erste Exposition dieser Frage so sehr außer Fassung geraten, daß er sich genötigt sieht, für die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft eine zweite Fassung zu schreiben: in ihr waren der Einbildungskraft dann jene Zügel angelegt, die es dem Verstand erlaubten, sie im strikten Sinn für sich arbeiten zu lassen und so davor zu bewahren, sich dieser Arbeit in Sprüngen einer unabsehbaren Nomadik zu entziehen, die alle Architektonik des Verstandes durch Differenztechniken der Einbildungskraft unterlaufen würden.
    Deshalb bedarf es wohl nicht erst einer technischen Medialität im Sinn des heute Verfügbaren, um die Grenzen der Einbildungskraft nachzuzeichnen; läßt sich doch bereits in einer Textur, in der sie sich im 18.Jahrhundert schreibt, entziffern, daß sie in Wendungen einer Sprungtechnik diese Grenze selbst in gewisser Weise markiert; reflektiert sich doch bereits hier eine "Medialität", und zwar in schwebenden Begriffen einer transzendentalen Einbildungskraft, die über alles hinausgeschossen ist, was sich mit ihr "ins Bild" setzen und in einer Architektonik des Verstandes bergen ließe.
    Viel eher könnte wohl der Versuch unternommen werden, die Geschicke von Medientechnik, Metaphorik und Einbildungskraft, wie sie Marshall McLuhans Engführung von Erweiterung und Trauma beschreibt, als äußerste Eskalation eines Problems zu rekonstruieren, das sich Kants impliziter Medientheorie bereits abzeichnet, wo sie nämlich die Einbildungskraft wie im Host-Modus einer Übertragbarkeit oder Mitteilbarkeit fungieren läßt, die ein Gastrecht allein an den porösen Grenzen zur Feinderklärung gewährt. "Alle Medien", schreibt McLuhan, so als referiere er Kant, was er tatsächlich ja auch tut, "sind mit ihrem Vermögen, Erfahrung in neue Formen zu übertragen, wirksame Metaphern. (...) Im gegenwärtigen Zeitalter der Elektrizität erleben wir, wie wir immer mehr in die Form der Information verwandelt werden und einer technischen Erweiterung des Bewußtseins entgegengehen." (4)
    Die Nerven liegen bei McLuhan also nicht nur bloß; technisch armiert, sind sie in so etwas wie die Entblößung selbst übergegangen. Sie sind in einen Modus äußerster Schutzlosigkeit versetzt, die einer traumatischen Folge unablässiger Schocks entspricht. Insofern hat man es nicht einmal mit einer "Erweiterung" zu tun, wenn darunter eine Potenzierung menschlicher Vermögen verstanden wird, die ansonsten die Grenzen von "Innen" und "Außen" unangetastet läßt. Allen Anthropomorphien zum Trotz, die McLuhans Analysen ihren Halt geben sollen, spricht seine Medientheorie von einer technischen Metaphorizität, die gerade darin wirksam ist, unausgesetzt betäubende und narkotisierende Effekte freizusetzen (5), indem sie solche Grenzen nämlich unablässig verschiebt, neu gruppiert oder ineinander verschlingt; wie McLuhan schreibt: "Das Prinzip der Betäubung gilt in der Technik der Elektrizität genauso wie in jeder anderen. Wir müssen unser Zentralnervensystem betäuben, wenn es erweitert oder exponiert wird, oder wir gehen zugrunde. So ist das Zeitalter der Angst und der elektrischen Medien auch das Zeitalter des Unbewußten und der Apathie." (6) Die traumatisierende Metaphorik dieser Medialität besteht also darin, mit den Oppositionen von "Innen" und "Außen", aber auch "Oben" und "Unten" das hierarchische Gefüge zu zerstreuen, das Signfikant und Signifikat in einer bestimmten Ökonomie der Zeichen aufeinander verwiesen hatte.
     

    In dieser Zerstreuung aber zeichnet sich, bei McLuhan wie unter Narkose, aber auch etwas anderes ab, das in aller Medientheorie zunächst wie ein rhetorisches Versatzstück, wie eine stumme Appellationsinstanz aufscheint, jedoch, wie ich vermute, den undarstellbaren Ort umschreibt, um den sie kreist: nämlich das "Wir". Gewiß, zunächst erscheint dieses "Wir", in dessen Namen McLuhan spricht, als der Adressat seines Textes, als Empfänger einer Botschaft, die sich rhetorisch adressiert. Eine zweite Lektüre aber könnte zeigen, daß diese appellative Instanz der Medientheorie zugleich deren uneinholbare Voraussetzung ist. Bevor sich etwas mitteilen läßt, muß sich der Mitteilung eine Teilung vorausgeschickt haben, die auf der Ebene des Mitgeteilten nicht Bedeutung werden kann. Die "wirksame Metapher", die McLuhans Analysen in technischen Medialitäten rekonstruiert, adressiert sich nicht erst als Träger von Bedeutung an Andere; vielmehr erhebt sie sich aus einer Spaltung, die sich in allen Übertragungstechniken nur mitteilt, indem sie sich zurückzieht. Insofern setzt alle Übertragungstechnik am Ort dieses Rückzugs ein, ohne von dessen Spur frei zu werden. Erst unter der unnennbaren Voraussetzung Anderer, erst unter der Voraussetzung, daß "wir" die Medialität "selbst" sind, nach der wir fragen, ließe sich einholen, was McLuhans Text dann in den bündigen Satz faßt, das Medium sei die Botschaft.
     

    Im Vorrang Anderer, den sie einführt, ohne ihn als einen Vorrang vorführen oder produzieren zu können, den sie also voraussetzt, ohne ihn setzen zu können, zeigt sich jenes "Jenseits einer Illusion" (Levinas) an, das sich in allen Medien ebenso schreibt wie zurückzieht. Uneinholbar von sich gespalten, stößt der Wille zur Technik bei seinem rastlosen Versuch, sich selbst am Ort einer Grenze niederzulassen, die Immanenz und Transzendenz zu verteilen und zu kontrollieren erlauben würde, deshalb immer auf eine Fremdheit seiner selbst. Sie gibt sich ihm in der Differenz der Sprache noch da, die das Denken eines Seins des Seienden noch da gespalten haben wird, wo Sprache sich maschinell implementiert. Die Grenze, die sich zwischen Sinnlichem und Intelligiblem zu ziehen versuchte, hat sich, anders gesagt, in ihrem eigenen Innern immer schon begrenzt, und das heißt: entgrenzt oder zerstreut. Mögliche Identität realisiert sich allein als Wiederholung dieser Differenz von Sammlung und Zerstreuung. Die "Ursprünglichkeit" dieser Wiederholung ist also weder ein Gemeinsam-Sein noch gar eine vertraute Beziehung, weder Sozialität noch Projekt; sie ist, und darauf kommt alles an, nicht einmal "ursprünglich".
     

    Was sich in der Voraus-Setzung Anderer, in den unabschließbaren Odysseen der Einbildungskraft als Differenztechnik des fehlenden Ursprungs zeigt, "ist" vielmehr "Sprache" in jenem Sinn, der alles Sprechen an den Grenzen der Bedeutung einsetzen läßt. Deshalb ist diese Differenztechnik auch nicht eine Sphäre des "Ausdrucks", die von einem Gedanken, einer Idee oder Intention kontrolliert werden könnte, indem sie sich in ihr "äußerten"; sie ist ebenso wenig die prästabilierte Ordnung einer idealen Sprechergemeinschaft wie eine Struktur, wie sie Gegenstand der Sprachwissenschaft sein wird. Solche Einteilungen in Gegenstandsbereiche lassen sich erst vornehmen, wenn sich im "Innern" der Sprache oder an den "äußersten" Rändern ihrer eigenen Möglichkeiten etwas ereignet hat, was weder auf der Ebene des Ausdrucks noch der einer Information verzeichnet werden kann; Übertragung eines Zitterns, wie Nancy schreibt: "Das singuläre Seiende erscheint anderen singulären Seienden, es wird ihnen als singuläres mitgeteilt. Es ist eine Berührung, eine Übertragung: die Berührung, die Übertragung nämlich eines Zitterns am Rande des Seins, die Mitteilung einer Leidenschaft, die aus uns Gleiche macht, oder die Mitteilung der Leidenschaft, Gleiche zu sein, gemeinsam zu sein." (7) Bevor sie als Medium des Ausdrucks fungieren kann, in dem sich Mitteilungen machen ließen, erweist sich sprachliche Differenztechnik als diese Mitteilbarkeit oder Übertragbarkeit. Sie gründet und disfundiert zugleich selbst in einem unabsehbaren Selbstverlust.
     

    Paradoxerweise ist deshalb nämlich jede Mitteilung auch in äußerster Weise von der Möglichkeit bedroht, mitgeteilt zu werden. Indem sie erfolgt, muß sie an die Anderen und damit an die unerschöpfbare Möglichkeit appelliert haben, anderes zu sagen, als sie mitteilt, und anderes zu verstehen, als sie vermeint. Das bedeutet, daß eine jede Mitteilung nur ist, was sie ist, indem sie bereits in sich alle Möglichkeiten birgt, anders zu sein, und sich einer Reduktion dieser Möglichkeiten im Augenblick ihrer Äußerung verdankt. Dies gilt nicht erst auf der Ebene der Bedeutung, sondern in Hinsicht auf das Zeichen "überhaupt". Es ist schon disseminiert oder entstellt, wo es bezeichnet oder Bedeutung übermittelt. Und deshalb läßt sich sagen, daß jede Mitteilung einen Aufschub der äußersten Möglichkeit ihres Selbstverlusts beschreibt: Spiel an den äußersten Grenzen der Möglichkeit, absolut anders oder anders als alles Absolute zu "sein", das sich als erfüllte Bedeutung präsentieren wollte - einer Möglichkeit also, die sich ontologisch weder beherrschen noch zureichend thematisieren läßt.
     

    Ich komme damit zu meinem zweiten Stichwort:
     

    Point
    Man müßte medientheoretisch also von einer "Meta-Phorik" einem Verständnis sprechen, das dazu nötigen könnte, das metaphorein noch "ursprünglicher" oder diesseits dessen anzusetzen, was sich einer aristotelischen Ursprungsfrage oder ihrer Einteilung in Metaphysik, Rhetorik und Poetik "später" darstellen kann, wenn sie das Problem der Metapher erst in der Sphäre der Bedeutung und im Ausgang von einem schon fixierten Nomens und seiner "übertragenen Bedeutung" einsetzen läßt.
    Unter dieser Voraussetzung kann es nämlich nicht mehr darum gehen, den Begriff der Metapher - der sich in der Sphäre der Bedeutung oder Semantik ansiedelt - lediglich zu "erweitern", indem man ihn auf die Voraussetzung einer téchne von Übertragung verwiese, welche in dieser Sphäre bisher noch keinen Platz gefunden hätte oder innerhalb ihrer nach Anerkennung verlangen würde. Ein Rekurs auf die metaphorische Möglichkeit der Sprache, der zeigen wollte, wie sehr sich, etwa in den Worten Gadamers, der Begriff "durch die jeweilige Sachanschauung bereichert" (8), würde im Bann einer Sprachökonomie des Denkens verbleiben, die um das Eigene, um Erweiterung und Bereicherung und damit um das Phantasma der Aneignung zentriert bliebe. Es kommt vielmehr darauf an, eine grundsätzliche Komplizität von Metaphysik und Metaphorik ins Auge zu fassen, deren Anbruch sich stets im Rückzug einer Differenz der Zerrissenheit oder Zerstreuung vollzieht. Der Anbruch der Bedeutung und ihr Erscheinen in einem Feld, das durch Selektion und Substitution bestimmt wird, muß sich aus einer Differenz denken lassen, die alle Bedeutung und damit sämtliche Beziehungen der Semantik schon überstiegen hat. Überstiegen nicht im Sinn einer möglichen Präsenz, die als Absolutes, Sein oder apokalyptischer Ausstand wieder-geholt werden müßte; überstiegen vielmehr im Sinn einer Zerstreuung des Absoluten oder einer Zerrissenheit des Seins. Dies aber kann gerade weder durch den Begriff noch durch die Metapher selbst in ihrem weitesten Sinn präsentiert werden. Denn die Metapher gehört zur Ordnung der Bedeutung - zu jenem Feld also, das sich im Rückzug der Spur erst herstellt und alle Bezeichnungsbewegung dem Diktat der Präsenz unterstellt sein läßt. Weder auf einer Ebene der Substitution oder Erweiterung von Bedeutung noch auf der einer selektierenden Verkettung einander angrenzender Terme, weder metaphorisch noch in Metonymien läßt sich anwesend machen, was sich verborgen haben muß, um die Möglichkeit von Substitution und Selektion überhaupt eröffnen zu können. Anders gesagt, hat sich - wo der Status der Metapher als Übertragung von Fremdem auf Eigenes bestimmt werden soll - bereits ein Einschnitt vollzogen, der jeder Unterscheidung von "Träger" und "Bedeutung" vorausgeht und sie so erst eröffnet; wohl deshalb schreibt Derrida: "Unerhört bleibt die Differenz zwischen den erfüllten Einheiten der Stimme. Und unsichtbar auch die Differenz im Korpus der Inschrift." (9)
    Erst von hier aus ließe sich eine andere Wendung als die Heideggers ins Auge fassen, dessen Destruktion der Komplizität von Metaphysik und Metapher den Weg zu einer quasi-archaischen Lesart des Sprachlichen vorschlägt. Oder genauer: es könnte sich zeigen, daß diese Lesart - in der sich die Sprache zum "Haus des Seins" reterritorialisieren soll - jene Vergessenheit des Sinns nur wiederholt, die sie im Ineinanderspiel von Metaphysik und Metaphorik zuvor notierte. Entscheidender als Heideggers Hinweis auf die metaphysische Konstellation alles metaphorischen Sprechens könnte deshalb die Insistenz eines "Wir" sein, die sich auch seinem Text kursiv einschreibt, ohne in ihm diskursiv werden zu können, und es ihm doch zuallererst erlaubt, die Komplizität von Metaphysik und Metapher aufzudecken: "Wir hören, nicht das Ohr. (...) Wenn wir hören, kommt nicht nur etwas zu dem hinzu, was das Ohr aufnimmt, sondern das, was das Ohr vernimmt und wie es vernimmt, wird schon durch das gestimmt und bestimmt, was wir hören..." (10) So als ließe sich die Sinnlichkeit, von der Metaphysik nur in Versuchen einer transzendentalen Grundlegung handeln kann, nur durch die Hervorhebung eines "Wir" entziffern, das allerdings auch nur kursiv ausgezeichnet, nicht aber dis-kursiv thematisch werden kann, markiert das "Wir" die Instanz eines Appells, von der aus die Korrespondenz oder Komplizität von Metaphysik und Metapher erst lesbar wird. Wenn Heideggers Hinweis, daß die Idee der Übertragung und der "übertragenen" im Unterschied zur "eigentlichen" Bedeutung nur innerhalb der Metaphysik möglich sei, im Kontext seiner Abhandlung über den Satz vom Grund von noch unabsehbarer Tragweite ist, so eben auch in dem Sinn, daß er sich noch Heideggers eigenem Kontext entziehen könnte. Er verweist nämlich auf eine Differenz des "Wir", die nicht sinnlich, aber ebenso wenig nicht-sinnlich ist; die als "Drittes" oder vielmehr "Anderes" aber nicht nur zwischen beiden vermittelt, so als sei es technisches Medium im Sinn einer Verfügbarkeit, sondern beides zunächst ermöglicht oder eröffnet; auf eine Differenz, die das Sehen und Hören der bloßen Sinnlichkeit zwar entzogen hat, es aber auch dem Intelligiblem vorenthält, was eben bedeutet, es auch der Metaphysik zu entziehen.
     

    Bemerkenswertes und nicht zu entzifferndes, kursiv ausgezeichnetes und diskursiv fehlendes "Wir", das weder sinnlich noch intelligibel ist und deshalb der Metaphysik dieser Einteilung ebenso wie aller Metaphorik ihrer Übertragung vorausgesetzt und entzogen bleibt; noch einmal Heidegger: "Weil unser Hören und Sehen niemals ein bloß sinnliches Aufnehmen ist, deshalb bleibt es auch ungemäß zu behaupten, das Denken als Er-hören und Er-blicken sei nur als Übertragung gemeint, nämlich als Übertragung des vermeintlich Sinnlichen in das Nichtsinnliche. Die Vorstellung von 'übertragen' und von der Metapher beruht auf der Unterscheidung, wenn nicht gar Trennung des Sinnlichen und Nichtsinnlichen als zweier für sich bestehender Bereiche. Die Aufstellung dieser Scheidung des Sinnlichen und Nichtsinnlichen, des Physischen und des Nichtphysischen ist ein Grundzug dessen, was Metaphysik heißt und das abendländische Denken maßgebend bestimmt. Mit der Einsicht, daß die genannte Unterscheidung des Sinnlichen und Nichtsinnlichen unzureichend bleibt, verliert die Metaphysik den Rang der maßgebenden Denkweise." (11)
     

    Aber deshalb verfehlt auch der Wille, die Sprache nur "ursprünglicher" zu vernehmen und sie hierin auf die Instanz des "Seins" zu verpflichten, die Transzendenz des "Wir" im gleichen Augenblick, in dem er sich im Namen dieses "Wir" der Sprache zuwendet, so als gebe sich in ihr das Sein als Ursprung. Heideggers sprachphilosophische Wendung wiederholt nur jene Figur einer Reterritorialisierung des irreduziblen Anderswo, jener Zwang zur "Verwurzelung" des Nomadischen und Heimatlosen (12), die noch die Spur der Tilgung zu tilgen sich anschickt.
     

    Unerhört und unsichtbar im Korpus erfüllter Einheiten, gibt sich im "Wir" dagegen eine Resistenz oder vielmehr eine Insistenz noch im Innern ontologischer Destruktion zu verstehen, die als kursive Auszeichnung diskursiv weder durchlaufen noch übertragen werden kann. Sie hat den Satz vom Grund schon entgründet, bevor er gesetzt werden kann. Anders gesagt, müßte noch Heideggers Destruktion der Metaphysik sich selbst unterzogen werden, um die Vorstellung eines stummen "Trägers" durchkreuzen zu können, der eine "Übertragung" garantiert, in der sich das "Sein" zu denken gäbe. Alle Nomadik, alle Nicht-Seßhaftigkeit, die sich als Einbildungskraft, Metapher, Technik oder Medialität denken will, würde damit auf die Problematik einer Diaspora verweisen, die sich in Begriffen des Orts, des Eigenen, Eigentlichen und Territorialen nur abzeichnet, indem sie verschwindet; auf eine Problematik, die in der Verräumlichung und Ortsbewegung nur erscheinen kann, indem sie sich tilgt; auf die Frage nach dem Ort und der Bewegung als "erster Wirklichkeit" also und damit auf die nach der phorá im weitesten Sinn.
     

    Damit komme ich zu meinem dritten Stichwort:
     

    Poll
    Indem sie nämlich eine Übertragung und einen Übertrag von Anderem auf Eines, von Fremdem auf Eigenes ins Werk setzt, greift die metaphorische Trope auf die Konstruktion einer phorá zurück, in der alle Probleme von Zeit, Technik und Sein wiederkehren.
     

    Schon die aristotelische Meta-Phorik zeichnet sich dadurch aus, ihre Wirksamkeit oder Wirklichkeit (enérgeia) aus einer spezifischen Beherrschung der phorá zu beziehen, die man technisch wird nennen können; scheint doch, im Ausgang von der Bewegung einer Übertragung, "das Technische genauer als Gefährt denn als 'Gestell' verstehbar zu sein" (13), wie Hans-Dieter Bahr schreibt. Denn die phorá durchläuft die Disparationen des Raums und läßt Seiendes vorstellig werden, indem sie dieses Durchlaufen einem télos der Gegenwart, und das heißt: einem spezifischen Zeitindex, unterstellt hat. Allerdings ist dieser Zeitindex nicht primär. Die phorá kann in der aristotelischen Physik, Metaphysik, Rhetorik und Poetik gleichermaßen eine "tragende" Rolle spielen, weil sie zunächst und vor allem die strukturelle Frage der "Verräumlichung" betrifft. Die Ortsbewegung, von der aus sich auch die Frage nach dem Ort erheben wird, ist, wie Aristoteles in Physik und Metaphysik übereinstimmend versichert, "die erste unter den Veränderungsformen (próte gàr haúte ton kinéseon)" (14) und deshalb "die erste Wirklichkeit (he phorá he próte [kaì] enérgeia estin)" (15). Dies verleiht der Exposition der phorá ihren strategischen Charakter. Einerseits nämlich müssen sich in der "ersten Wirklichkeit" sämtliche Voraussetzungen antreffen lassen, aus denen dann auch die anderen Formen von Bewegung (kínesis) hervorgehen. Andererseits - und dies ist hier entscheidend - stellt sich dabei heraus, daß die phorá, obwohl erste Wirklichkeit, ihrerseits nicht ohne Voraussetzung ist. Sie setzt, als Bewegung von Ort zu Ort, zumindest den Ort "selbst" schon voraus; so daß sich der aristotelischen Begrifflichkeit von Anfang an eine tiefe Zweideutigkeit einträgt, die den "Ort dieses Ortes" betrifft.
    Welchen Status nimmt er ontologisch ein, wenn er doch selbst in der ersten Wirklichkeit "nicht da" ist, sondern von der phorá, die bereits einem Zeitindex untersteht, nur angezeigt werden kann? Und welchen ontologischen Status besitzt dann diese Anzeige? Aristoteles zufolge zeigt die phorá "nicht nur an, daß 'Ort' wirklich etwas bedeutet, sondern daß er sogar eine gewisse Kraft besitzt (ou mónon delousin hóti estí ti ho tópos, all hóti kaí échei tinà dynamin)" (16). Die phorá verweist also auf einen Ort, der sich "selbst" nicht zeigt, aber zeigt, daß er "etwas ist" oder Bedeutung hat, indem er in der phorá zum Tragen kommt. In der Anzeige meldet sich also eine gewisse Tilgung des Ortes an, der nämlich in der "ersten Wirklichkeit" der phorá gerade keinen Ort findet und schon in das Spiel einer gewissen Übersetzung verwickelt sein muß, um als Problem des Ortes auch nur thematisch werden zu können. Die Übersetzung der phorá präsentiert den Ort bereits in einem Durchlaufen von Orten - in Registern der Bedeutung, der Kraft oder der Möglichkeit, in einem Spiel der Bedeutung also, in dem sich etwas vom "Ort des Ortes" zugleich zeigt wie verbirgt. Er muß in Bedeutung eingelassen sein, bevor die Frage aufgeworfen werden kann, in welcher Weise mögliche Bedeutung aus der Verräumlichung einer Zerstreuung in Orte hervorgehen kann. Nur als dieses Spiel von Zeigen und Verbergen "zeigt" die phorá, daß der Ort so etwas wie Kraft oder Möglichkeit (tinà dynamin) hat.
     

    Aber dies trägt der Problematik des Ortes auch eine Unruhe ein, die ihn schließlich dem Horizont dessen entziehen wird, was sich als "Etwas" des Ortes vorstellen oder sich als seine Bedeutung präsentieren ließe. Denn nachdem er erklärt hat, daß der Ort zwar etwas ist, allerdings "neben den Körpern (parà tà sòmata)" (17), stellt Aristoteles - nicht ohne einige Anzeichen eigener Überraschung - fest: "Wenn das wirklich so ist, dann wäre die Leistungsfähigkeit des Ortsbegriffs ja ganz erstaunlich, und sie wäre allem vorgeordnet: Ohne welches doch von allem übrigen nichts ist, es aber (kann) ohne das andere (sein), das muß doch notwendig ein allererstes sein. Der Ort geht ja nicht unter, wenn die in ihm (befindlichen Gegenstände) vergehen (ei d' estì toiouto, thaumasté tis àn eíe he tou tópou dynamis kai protéra pánton. hou gàr áneu ton állon oudèn éstin, ekeino d' áneu ton állon, anánke proton einai. ou gàr apóllytai ho tópos ton en auto phtheiroménon.)" (18) Neben den Körpern, doch zugleich ihre erste Voraussetzung, deutet sich die erstaunliche Möglichkeit des Ortes an, als Seiendes den Kategorien des Seienden nicht zu unterstehen: sie wird noch rätselhafter, wenn nach seinem Verhältnis zu den Körpern gefragt wird, die er "in sich" aufnimmt und "neben denen" er ist. Denn weder Stoff (hyle) noch Form (eidos) eines Körpers, ist er auch nicht dessen Begriff (lógos) oder dessen Ziel (télos); ebenso wenig bewegt er das Seiende (oúte kinei tà ónta) (19). Alles in allem also scheint er, obwohl seiend, nicht den vier möglichen Ursachen (aítia) des Seienden zu unterstehen. Gerade die Bestimmung des Ortes als etwas Seiendes also versetzt die Analyse in eine unabsehbare Schwierigkeit, besteht ihr Ergebnis doch darin, daß sich der Ort jeder Bestimmung entzieht, die Seiendes unter sich fassen könnte.
     

    Sämtliche Aporien, den Begriff des Ortes zu entwickeln, resultieren daraus, ihn als Seiendes vorstellen zu müssen - also der Präsenz einer Bedeutung zu unterwerfen, die bereits zeitlich verfaßt ist - , und eben darin die Zäsur zu schließen, die den Ort in die Ordnung des Seienden nur einführt, indem sie ihn aus ihr schon ausgeschlossen oder ex-kommuniziert hat. Insofern, als er nicht kommunizierbar bleibt und nur deshalb etwas "ist" oder bedeutet, ist der Ort - allen anfänglichen Versicherungen Aristoteles' zum Trotz - gerade keine Instanz, die so etwas wie Kraft oder Möglichkeit (tinà dynamin) haben könnte; oder er verdankt diese Möglichkeit bereits diesem Ausschluß oder dieser Ex-Kommunikation. Die aristotelische Exposition operiert im Ausgang eines Selbstwiderspruchs, in dem sich nicht einfach eine Nachlässigkeit, eine Voreiligkeit oder Ungenauigkeit von Bestimmungen artikuliert. In ihm kommt vielmehr die Unmöglichkeit zum Tragen, etwas Unsagbares zu sagen: eine Empfänglichkeit des Ortes zu artikulieren, die dem Sein vorausgesetzt sein muß, um darin das "Es gibt" dieses Seienden sich ereignen lassen zu können. Denn alles, was sich vom Ort sagen läßt: daß er empfängt oder aufnimmt, ohne anderes zu "sein" als diese Empfängnis oder Aufnahme, aber gerade darin "anders als Seiendes ist", läßt sich nicht sagen, weil damit gerade nichts gesagt wäre. Weshalb es sich nur meta-phorisch sagen läßt, in der Metapher des Gefäßes etwa: "Somit scheint 'Ort' etwas Derartiges zu sein wie ein Gefäß - 'Gefäß' meint doch soviel wie: 'Ort, der fortbewegt werden kann' - , ein Gefäß aber ist kein (Stück) des Gegenstandes (der im Gefäß ist). (kaì gàr dokei toioutó ti einai ho tópos hoion tò angeion (ésti gàr tò angeion topos metaphoretós. tò d' angeion oudèn tou prágmatós estin.)" (20) Deshalb wäre es aber gewiß unzureichend, dieses Gefäß (angeion), in dem sich ein beweglicher Ort, ein tópos metaphoretós, bezeichnen will, nur als "Metapher des Ortes" zu lesen. In gewisser Hinsicht bezeichnet dieses Gefäß vielmehr selbst schon den "Ort der Metapher": wo immer von ihm die Rede ist, wird der Ort von einer Übertragbarkeit oder Metaphorizität eröffnet und durchquert sein, die sich in der phorá als "erster Wirklichkeit" bereits abgezeichnet hatte. Die phorá setzt also nicht ein, nachdem sich der Ort "konstituiert" hat. Vielmehr tilgt sie den Ort im gleichen Zug, in dem sie ihn in das Spiel der Bedeutung einführt.

    Denn wenn der Ort "etwas" ist, schreibt Aristoteles, müßte sich auch angeben lassen, wo er ist; müßte der Ort des Ortes (tópou tópos) bezeichnet werden können, was freilich nur ins Unendliche (eis ápeiron) verweisen würde. Deshalb wird sich feststellen lassen, daß der Ort - verwickelt ins Spiel jener Bedeutung, die die phorá eröffnet - eine Grenze bezeichnet, die nicht etwa erst den einen Ort von einem anderen absetzt, sondern die Grenze ihrerseits begrenzt haben muß, die sich als "Ort" abzeichnet. Denn wenn der Ort "etwas" ist, zugleich aber alles Seiende einen Ort hat, wird sich die Schlußfolgerung aufnötigen, daß der Ort nicht in sich selbst, sondern "entweder nirgends ist oder in einem Anderen [e oudamou e en állo]" (21). Der Ort ist, was er ist, nicht zunächst im Unterschied zu anderen Orten, sondern als Unterschied zu sich. Es besteht also nicht nur eine Differenz, die den einen Ort von einem anderen trennt. Zunächst sind die verschiedenen Orte nicht einmal darin einander gleich, Orte zu sein; sie differieren in sich, bevor sie voneinander unterschieden werden können. Der Ort ist nicht eine einfache Gegebenheit, sondern Spiel einer Differenz, die den Ort vorstellig werden läßt als Ineinander oder Aneinander von Zweien, das sich jedoch allen Bestimmungen eines "Innerhalb" oder "Außerhalb" entzieht und deshalb "zugleich" [háma] in sich und außer sich ist. "So wird also ein Krug nicht 'in sich selbst' sein, und auch nicht der Wein. (Von dem ganzen Ausdruck) 'Krug Wein' aber wird man es sagen können; denn das 'was' und das 'worin', beides sind hier Teile des gleichen (Ganzen). (...) 'Krug' und 'Wein' sind, für sich genommen, nicht Teile, zusammengenommen aber wohl; wenn sie dann also Teile sind, kann (dies Gebilde) selbst in sich selbst sein. [ho men oun amphoreùs ouk éstai en hauto, oud' ho oinos. ho dè tou oínou amphoreùs éstai. ho te gàr en ho, amphótera tou autou mória. (...) ho dè amphoreùs kaì ho oinos chorìs men ónta ou mére, háma dé. diò hótan e mére, éstai autò en hauto]." (22)

    Das kleine Partikel "háma", das hier zum Tragen kommt, indem es sich jeglicher Trägerschaft entzieht, dürfte auch medientheoretisch die Rolle eines ebenso unscheinbaren wie unverzichtbaren Versatzstückes spielen. Nicht nur beiläufig nämlich stößt die Frage nach dem Entzug des Ortes, der sich in aller Metaphorik abzeichnet, auf dieses kleine Partikel, auf das auch die Aristoteles-Lektüre Derridas in Ousia und Gramme gestoßen war: wo er, im Ausgang von Heidegger, die Frage der Zeitlichkeit aufgeworfen hatte. Im "háma" kündigt sich etwas an, was sich ontologisch nicht denken läßt. Dieses "háma", das "zusammen" bedeutet, "alles auf einmal", "beide zusammen" und "gleichzeitig", ist nämlich weder räumlich noch zeitlich. Es ist, wie Derrida schreibt, ein "háma", "in dem das Zusammen-Sein nicht eine Bestimmung des Seins ist, vielmehr seine Herstellung selbst. Das ganze Gewicht des Textes von Aristoteles stützt sich auf ein kleines Wort, kaum sichtbar, weil es evident scheint und diskret wie etwas, das sich von selbst versteht. Verblaßt, ist es umso wirksamer, als es der Thematik entzogen wird." (23)
     

    Um diesen Entzug wird es gehen. Ich will also zum Schluß kommen und versuchen, zwei Fragen zu formulieren, die mir aus der Problematik dieses "háma", eines "Zusammen-Seins" also hervorzugehen scheinen, das ontologisch nicht zu denken ist, sondern alle Medialität aus der Möglichkeit einer Metaphorik hervorgehen läßt, in der die Diaspora des Ortes, die Zerstreuung also, nur erscheinen kann, indem sie sich tilgt.
     

    1. Die phorá und damit die Möglichkeit von Medialität geht aus einer Problematik des Ortes hervor, die ihn nämlich nur anzeigt, indem sie ihn ontologisch verstoßen hat. Insofern verweisen Ontologie und Medientheorie aufeinander; denn sie setzen sich von einer Voraus-Setzung ab, die als Zerstreuung in Orte und als Zerstreuung des Ortes ontologisch uneinholbar ist. Deshalb läßt sich gewiß nachvollziehen, wenn Heidegger sagt, das Wesen der Technik sei nichts Technisches. Aber entgeht einer Frage, die das Technische deshalb als Weise des Entbergens fassen möchte, nicht ihrerseits, daß sich noch im Denken des Seins nur eine andere Vergessenheit anzeigt? Die diasporischen "Wir", das sich ontologisch in der nicht-räumlichen, nicht-zeitlichen Gemeinsamkeit des "háma" anzeigte? Und fallen darin Ontologie, Krieg und Medium zusammen?
     

    2. Meine zweite Frage ist prekärer, schließt jedoch in gewisser Hinsicht an die erste an. Sie betrifft nicht eine Vernichtung, die Kriegsgeschichte hätte werden könnten, sondern eine Vernichtung, die durch eine Kriegserklärung gerade nicht eingeleitet werden konnte, weil sie einer Ontologie des Krieges gerade nicht untersteht; eine Vernichtung also, die sich insofern an den "Rändern" dieses Krieges und doch zugleich in dessen "Zentren" vollzogen hätte. Wenn nicht nur die Geschichte von Medialität, sondern deren Möglichkeit selbst aus einer tiefen Komplizenschaft von Metaphysik und Metaphorik hervorgeht, die etwa das "háma" nur ins Spiel bringen kann, indem sie es streicht, so könnte sich herausstellen, daß diese Ordnung auf eine namenlose Katastrophe zutreibt, sobald sich der Wille zur Technik totalisiert. Unfähig, seine eigenen Voraussetzungen zu ergreifen, die sich im diasporischen Entzug des Ortes nur anzeigen läßt, indem er zerfällt, wäre dieser Wille nämlich in eine Vernichtung der Diaspora übergegangen. Ohne kriegsgeschichtlich verortet, technikgeschichtlich abgeleitet, medientheoretisch verzeichnet werden zu können, hätte man es mit der Gewalt einer Metaphorik zu tun, die im gleichen Augenblick, in dem sie sozusagen zur "totalen Metapher" wurde, mit dem, was sich bei Levinas als "Jenseits der Metapher" bedeuten wollte, zugleich seine eigenen Voraussetzungen zerstört hätte. Ist es vielleicht das, was aller Medientheorie eine Unruhe versetzt, so als zittere in ihr eine Katastrophe nach, die Name nicht werden kann? Und was bedeutet dies für "uns", die wir Medientheorie treiben?
    Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.
     

    (1)  Edmund Husserl, Cartesianische Meditationen, Hamburg 1977, S.121
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    (2) a.a.O., S.122
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    (3)  vgl. etwa Hans-Dieter Bahr, Die Sprache des Gastes, Leipzig 1994, S.207
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    (4)  Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle, Düsseldorf und Wien 1968, S.64
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    (5)  vgl. Marshall McLuhan, a.a.O., S.68
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    (6)  Marshall McLuhan, a.a.O., S.55
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    (7)  Jean-Luc Nancy, Die undarstellbare Gemeinschaft, a.a.O., S.129f.
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    (8)  Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, a.a.O., S.405
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    (9)  Jacques Derrida, Grammatologie, Frankfurt/M. 1983, S.114
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    (10)  Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, Pfullingen 1986, S.87
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    (11)  Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, Pfullingen 1986, S.88f.
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    (12)  vgl. Martin Heidegger,  Nietzsche I, Pfullingen 1961, S.170: "Weil aber die Sprache als lautendes Bedeuten von Grund aus uns zumal in unserer Erde verwurzelt und in unsere Welt versetzt und bindet, deshalb ist die Besinnung auf die Sprache und ihre Geschichtsgewalt immer die Handlung der Daseinsgestaltung selbst. Der Wille zur Ursprünglichkeit, zur Strenge und zum Maß des Wortes ist deshalb keine ästhetische Spielerei, sondern die Arbeit im Wesenskern unseres Daseins als eines geschichtlichen."
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    (13)  Hans-Dieter Bahr, Sätze ins Nichts, Tübingen o.J., S.168
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    (14)  Aristoteles, Physik VII 2 243a 39
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    (15)  Aristoteles, Metaphysik XII 7 107b 5
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    (16)  Aristoteles, Physik IV 1 208b 10ff.
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    (17)  Aristoteles, Physik IV 1 208b 28
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    (18)  Aristoteles, Physik IV 1 208b 33-209a 2
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    (19)  Aristoteles, Physik IV 1 209a 22
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    (20)  Aristoteles, Physik IV 2 209b 28
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    (21)  Aristoteles, Physik IV 3 210a 26
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    (22)  Aristoteles, Physik IV 3 210a 31-210b 4
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    (23)  Jacques Derrida, Ousia und Gramme, in: ders., Randgänge der Philosophie, Wien 1988, S.73
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